Das Haus am Meeresufer

Um etwas zu erschaffen, muss man zunächst alles hinterfragen.
(Eileen Gray, Designerin und Architektin, 1878 – 1976)
Kurzinhalt
Literarisierte Lebensgeschichte der Designerin und Architektin Eileen Gray in den 1920er-Jahren, mit Fokus auf den Bau der Villa E.1027 an der Côte d’Azur, ihre Beziehung zu Jean Badovici und ihren Kampf um Anerkennung in der Moderne.
Rezension
Mit Das Haus am Meeresufer nähert sich Joséphine Nicolas der Designerin und Architektin Eileen Gray in Form eines literarischen Porträts. Der Roman verortet sich in den 1920er-Jahren zwischen Paris und der Côte d’Azur und stellt die Entwicklung von Eileen Gray in den Mittelpunkt, die schließlich zum Bau der Villa E.1027 führt. Das Haus gilt heute als Ikone der Moderne und ist zugleich Symbol für Anerkennung wie auch Vereinnahmung der Künstlerin.
Die Autorin erzählt Grays Lebensweg ruhig und detailreich, mit besonderem Augenmerk auf ihre innere Haltung: ihre Unabhängigkeit, ihre Zweifel, ihren Anspruch an Gestaltung und Selbstbestimmung. Die Beziehung zu Jean Badovici wird nicht romantisierend, sondern ambivalent dargestellt – als Verbindung, die künstlerisch anregend ist, zugleich aber auch Konflikte und Machtverschiebungen sichtbar macht. Besonders eindrücklich gelingt dem Roman die Darstellung einer Frau, die sich in einer von Männern dominierten Avantgarde behaupten muss, ohne sich anzupassen.
Stilistisch ist das Buch klassisch und gut lesbar, stellenweise bewusst ausführlich. Wer eine schnelle Handlung erwartet, wird sich möglicherweise mehr Straffung wünschen; wer sich jedoch auf Atmosphäre, Zeitgeist und innere Prozesse einlassen kann, findet hier einen dichten, stimmungsvollen Roman. Architektur und Design werden verständlich eingebettet, ohne fachlich zu überfrachten – auch Leserinnen und Leser ohne Vorwissen können folgen.
Das Haus am Meeresufer ist weniger ein dramatischer Künstlerroman als eine leise Annäherung an eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Das Buch lädt dazu ein, Eileen Gray nicht nur als Ikone der Moderne zu betrachten, sondern als Mensch mit Widersprüchen, Klarheit und Konsequenz. Für alle, die sich für Architektur, weibliche Lebensentwürfe und das Verhältnis von Kunst, Liebe und Autonomie interessieren, ist dieser Roman eine lohnende Lektüre.
Fazit
Ich kaufte den Roman, nachdem ich an einem Schlechtwettertag im Kino den Film E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer sah und noch eine Urlaubslektüre suchte. Gleichzeitig wollte ich mehr über Eileen Gray erfahren. Ein wenig befürchtete ich, dass mir der Roman zu trocken sein könnte, da mich Architektur nicht explizit interessiert. Das Gegenteil war der Fall – der Roman hat mich total gecacht .
Ich konnte mich stellenweise sehr gut in Eileen Grays Gefühlswelt hineinversetzen und spürte bereits im im Voraus, wenn sich ein Wendepunkt in ihrem Leben anbahnte, beziehungsweise ein Umdenken einsetzte. Besonders eindrücklich war für mich eine Szene, in der der Architekt Le Corbusier begeistert von dem Haus erzählte, das er für seine Mutter am Genfer See bauen wollte, und er Eileen Gray und Jean Badovici seine Pläne zeigte. Ein intensiver Moment zwischen Jean und Eileen lässt erahnen, dass bereits hier der Grundstein für E.1027 gelegt wurde.
Info zum Buch
Titel: Das Haus am Meeresufer
Autorin: Joséphine Nicolas (Pseudonym von Christiane Adlung)
Genre: Historischer Roman / biografische Belletristik
Verlag: DuMont
Erscheinungsjahr: 2023
Umfang: ca. 416 Seiten
ISBN: 978-3-7558-0507-6
Preis: ca. 22,00 € (gebundene Ausgabe)
(Werbung unbezahlt)
Ausblick
Diese kleine Abhandlung soll nur ein erster Ausblick auf die kommender Beschäftigung mit dem Roman sein, so dass du weißt, wohin die Reise führt. Vielleicht magst du mitkommen?
Beitragsbild: MaTo
Hintergrundgestaltung: KI


