Eileen Gray,  Lesespuren

Zwischen Architektur und Literatur: Joséphine Nicolas

Die Architektur ist eine Frau.
(Joséphine Nicolas, freie Autorin, 1969)

Natürlich möchte ich ein paar Takte zu der Autorin sagen, die mich mit ihren Worten in den Roman „Das Haus am Meeresufer“ so hineingesogen hat.

Hinter dem Pseudonym Joséphine Nicolas verbirgt sich Christiane Adlung – Architektin, Innenarchitektin, eine Frau also, die Räume nicht nur beschreibt, sondern versteht. Ein Studium der Kunstgeschichte vervollständigt ihre Expertise. Wahrscheinlich hat mich genau das beim Lesen von Das Haus am Meeresufer so gefesselt: Man merkt, dass hier jemand schreibt, der nicht nur weiß wie Proportionen wirken, sondern Eileen Gray – der Hauptperson ihres biografischen Romans – relativ nahe kommt.

Für ihre detailreiche Darstellung der 1920er Jahre wurde Adlung vielfach gelobt – und ich kann das gut nachvollziehen. Diese Zeit ist bei ihr nicht nur Staffage – sie ist Atmosphäre und befindet sich im Aufbruch. Während ich las, hatte ich nicht das Gefühl, etwas historisches zu betrachten, sondern mich mitten in einer vibrierenden, suchenden Epoche zu bewegen. Ich brütete mit Eileen Gray über ihren Skizzen, verlor mit ihr mein Herz an Badovici. Ich saß mit ihr im Auto, auf der Suche nach einem Bauplatz für ihr Haus E.1027. Und ich war auch dabei, als alles zusammenbrach.

Und Eileen Gray? Sie erscheint nicht als Denkmalfigur, sondern als tastende, mutige Frau. Eine, die ihren eigenen Raum schaffen will – gegen Widerstände, gegen Erwartungen, gegen die Selbstverständlichkeit männlicher Dominanz in der Architekturwelt jener Jahre. Besonders angesprochen hat mich Eileen Grays ringen um Eigenständigkeit.

Was ich an Adlungs Art zu erzählen schätze, ist ihre Klarheit. Sie überhöht und dramatisiert nicht unnötig. Sie skizziert präzise – fast wie mit einem gut geführten Zeichenstift. Dadurch entsteht Nähe.

Für mich ist dieses Buch nicht nur eine Annäherung an Eileen Gray, sondern auch eine Einladung, über Räume nachzudenken. Über Häuser am Meer – und über innere Räume und äußere Räume, die wir uns im Laufe eines Lebens erschaffen.

Chrisitiane Adlung ist freie Autorin und lebt in Hannover. Mehrere Monate im Jahr hält sie sich in Nizza auf – ganz in der Nähe der Villa E.1027.

Leider habe ich keine Möglichkeit mit Christiane Adlung ein Interview zu führen, deshalb verlinke ich jetzt einfach auf die Seite des DuMont Verlags (Werbung unbezahlt). Im Interview spricht die Autorin darüber, wie sie zu Eileen Gray gefunden hat und dies zur Entstehung dieses Romans führte.

Zum Interview

Zur Rezension „Das Haus am Meeresufer“

Beitragsfoto: KI

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