Mein Vater und die Zeit der Gastarbeiter
Kann uns zum Vaterland die Fremde werden? (Johann Wolfgang von Goethe)
Mein Vater wurde 1956 am Bahnhof von Rom als Gastarbeiter angeworben. Der Entscheidung, sein Glück in Germania zu suchen, ging ein heftiger Streit mit seinem Vater voraus. Leider ist mein Papà schon seit über 30 Jahren tot, und ich kann ihn nicht mehr fragen, wie es genau zu seiner Auswanderung kam. Stapfte er wütend auf dem Bahnhof Termini herum, als ein Anwerber ihn ansprach? Träumte er schon lange vom Abenteuer in der Fremde, und der Anwerber kam genau zum richtigen Zeitpunkt? Sah er die Chance, in einem fremden Land Arbeit zu finden, was im eigenen Land schwierig war? Oder war es wirklich ein spontaner Entschluss, so wie er mir die Geschichte seiner Einwanderung nach Deutschland vor vier Jahrzehnten erzählte? Er fuhr nochmals in sein Heimatdorf, packte dort einen kleinen Koffer mit seinen Habseligkeiten, kurz darauf saß er mit anderen jungen Männern in der Bahn Richtung Germania.
In den fünfziger und sechziger Jahren reisten annähernd 2.000.000 italienische Gastarbeiter nach Deutschland ein. In ihrer Heimat fehlte die Arbeit, in Deutschland fehlten die Arbeitskräfte. Das erste Anwerbeabkommen schloss Deutschland mit Italien am 20. Dezember 1955 ab. Das Wirtschaftswunder nahm an Fahrt auf …
Mein Vater arbeitete, nach seiner Ankunft in Duisburg, in verschiedenen Städten im Ruhrpott – mal als Gleisarbeiter bei der Bahn, mal im Bergbau unter Tage.
Italienische Gastarbeiter wurden vor allem in der Industrie eingesetzt, wo sie oft schwere körperliche Arbeit verrichten mussten. Sie arbeiteten in Fabriken, auf Baustellen oder in der Landwirtschaft, etc. Viele von ihnen waren ungelernt und besaßen keinerlei Deutschkenntnisse, was die Integration in die deutsche Gesellschaft erschwerte. Für die deutsche Bevölkerung waren sie Fremde, denen man nicht über den Weg trauen konnte. Den von der deutschen Wirtschaft dringend benötigten Arbeitskräften schlug oft unverhohlene Ablehnung entgegen.
Die Arbeitsbedingungen waren miserabel. Die Gastarbeiter mussten lange Arbeitszeiten in Kauf nehmen und wurden schlecht bezahlt. Auch die Wohnbedingungen waren unzureichend. Viele von ihnen lebten in überfüllten Wohnheimen oder in Wohnungen, die in einem schlechten Zustand waren.
Mein Vater war mit einer Gruppe junger Männer seiner Region in Duisburg gelandet. In der Fremde gaben sie sich gegenseitig Halt und fanden untereinander einen Hauch von Heimat, der ihnen dabei half, das schwere Leben fern der Familie, anzunehmen. Einige dieser, dem Schicksal geschuldeten Freundschaften hielten ein Leben lang.

Eines Tages trudelte bei einem der jungen Männer eine Ansichtskarte aus einer Stadt in Baden-Württemberg ein. Mein Vater und zwei andere junge Männer waren so angetan, dass sie auf der Stelle beschlossen, von Westdeutschland nach Süddeutschland „auszuwandern“. Der Zug fuhr jetzt nach Weil der Stadt, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Das Tor zum Schwarzwald öffnete sich weit für die südländischen Ragazzi.
Trotz schwierigen Bedingungen blieben viele italienische Gastarbeiter in Deutschland und gründeten hier Familien – italodeutsche Ehen inklusive.
Zum Zeitpunkt des 70. Jahrestages des Abwerbeabkommens (20.12.2025) lebten circa 67.000 ehemalige Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen mit ihrer Famiglia in Deutschland. Über die Jahre integrierten sie sich gut in die ehemals fremden Strukturen.
Mein Vater wurde in Weil der Stadt sesshaft. Er lernte meine Mutter kennen und verliebte sich auf der Stelle. Für beide war die Situation nicht leicht, als der Spaghettifresser oder wahlweise Messerstecher, meine Mutter heiratete und sie zusammen ein kleine Tochter bekamen – mich. Meine Eltern sahen sich damals vielen Vorurteilen ausgestetzt, aber vielleicht schmiedeten gerade diese Umstände das italodeutsche Band zusammen. Trotz aller Unkenrufe hielt die Ehe.
Foto: Meine Eltern beim Sonntagsspaziergang

Obwohl sich die Integration meines Vaters in die deutsche Gesellschaft schleppend entwickelte, begegneten meine Eltern immer wieder Menschen, die es gut mit ihnen meinten und sie unterstützten. Ein unkonventioneller Vermieter, der an ein gemischtes Paar mit zwei kleinen Kindern vermietete, eine Lehrerin, die sich intensiv mit dem Itakerkind auseinandersetzte und es in seinem Vorwärtskommen unterstützte, ein Arbeitgeber, der das Potenzial des Italieners erkannte und ihm eine gute Arbeitsstelle verschaffte.
Wer den Film „Maria, ihm schmeckts nicht“ gesehen hat, nahm vielleicht zwischen all den Lachmomenten auch den Ernst der Story wahr – ob es dabei um die Wohnungssuche als gemischtes Paar geht oder um die Zerissenheit, den Anspruch zweier Kulturen zu erfüllen.
Die italienischen Gastarbeiter leisteten einen wichtigen Beitrag zur deutschen Wirtschaft und Gesellschaft. Viele fanden hier eine neue Heimat. Umso erschreckender ist es für mich zu sehen, wie derzeit wieder ein Hass auf das Fremde auflodert – unfassbar!
Auch ich bekam als Kind aus einer Mischehe, die Ablehnung des Fremden zu spüren, ob das nun in der Schule war oder ob ich als Spielkameradin aufgrund meiner Abstammung bei manchen Eltern nicht gerne gesehen war. Hänseleien inbegriffen. Das wünsche ich niemandem. Gerade Menschen, die aus Flucht und Vertreibung kommen und viel Schlimmes erleben mussten, haben unser Mitgefühl und unsere Unterstützung verdient.
Das Fremde ist manchmal anstrengend, denn man muss sich und seine Einstellungen überdenken. Aber wenn das Andere zugelassen wird, bringt es viel Bereicherndes mit sich. Im Falle der Italiener sind dies beispielsweise der italienische Gusto, der mittlerweile aus deutschen Küchen nicht mehr wegzudenken ist, die leidenschaftlichen italienischen Canzoni, und nicht zu vergessen, die von Leichtigkeit geprägte italienische Lebensweise … Letztere gibt dem Schwäbischen „Schaffe, schaffe, Häusele baue…“ mit einer Prise „Oh sole mio!“ einen leichtfüßigen Kontrast.
Anmerkung zum Beitragsfoto – Fotograf unbekannt
Gruppe junger Gastarbeiter in Duisburg. Im Vordergrund mein Vater, der 1956 nur mit einem kleinen Koffer bepackt nach Deutschland einreiste. Es gibt leider keinen Hinweis auf den Urheber, der diesen Moment festgehalten hat.
Die jungen Männer sind erst vor wenigen Tagen in Deutschland angekommen und müssen sich in einer ganz neuen, ungewohnten Situation, fernab ihrer Familien, zurechtfinden. Sie stellen sich selbstbewusst zur Schau, was aber nicht unbedingt auf ihr Innerstes schließen lässt. Ihnen stehen große Herausforderungen bevor: Die Anpassung an eine unbekannte Kultur, das Erlernen einer komplizierten Sprache und das Erschaffen eines neuen Lebens in der Fremde.
Mit diesem Beitrag möchte ich nicht nur die Erinnerung an die Zeit der Einwanderung der Gastarbeiter wachhalten, sondern auch die Bedeutung der Integration und des interkulturellen Austauschs betonen. Heute, Jahrzehnte später, blicke ich auf eine Zeit zurück, die ich nur aus Erzählungen kenne. Ich spüre beim Betrachten des Fotos die Aufbruchsstimmung, aber auch die Unsicherheit dieser Männer. Durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit haben sie ihre Spuren hinterlassen. Ihre Erfahrungen und Entbehrungen sind Teil der kollektiven Geschichte unserer Gesellschaft.


